Lieber Junge in der blauen Badehose

ich bin der Mann, der auf dem Handtuch neben dir liegt. Der Mann, der mit seinem Sohn und seiner Frau kam.

Zuerst will ich dir sagen, dass ich wirklich eine gute Zeit mit dir und deinen Freunden hatte. Eine sehr kurze Zeit, in der sich unsere Leben und unsere Lächeln berührt haben, in der ich Zeuge deiner Sprache und der Musik, die aus deinen Boxen schallt, wurde.

Weißt du? Ich habe fast die Fassung verloren, weil ich nicht mehr wusste, seit wann ich nicht mehr der bin, der du jetzt bist, und zu dem „Mann neben dir“ wurde. Seit wann ich nicht mehr derjenige bin, der mit seinen Freunden ausgeht, und zu demjenigen wurde, der mit seiner Familie ausgeht.

Aber ich schreibe dir nicht wegen dieser Dinge. Ich schreibe dir, weil ich dir gern sagen will, dass ich dir Aufmerksamkeit geschenkt habe.

Ich habe dich gesehen und ich konnte nicht anders, als dich zu sehen.

Ich habe gesehen, dass du der letzte warst, die sich ausgezogen hat. Ich habe gesehen, dass du dich hinter dem Rücken der anderen entkleidet hast und dass du dein T-Shirt abgelegt hast, als du geglaubt hast, dass dich niemand beobachtet.

Aber ich habe dich gesehen.

Ich habe dich nicht beobachtet, aber ich habe dich gesehen.

Ich habe gesehen, wie du in einer vorsichtigen Position auf deinem Handtuch gesessen hast, deinen Bauch mit deinen Armen bedeckend.

Ich habe gesehen, wie du deine Haare hinter deine Ohren geschoben hast, deinen Kopf geneigt hast, um sie zu erreichen, vielleicht um deine Arme nicht zu bewegen, in einer sehr gut berechneten Position.

Ich habe gesehen, wie du aufgestanden bist, um ins Wasser zu gehen. Du hast nervös geschluckt, denn du musstest auf deine Freundin warten, stehend, entblößt, und du musstest deine Arme wieder benutzen, um dich zu bedecken: deine Dehnungsstreifen, deine Schwabbeligkeit, deine Cellulite.

Ich habe gesehen, dass du traurig, ja nahezu verzweifelt warst, weil du nicht alles auf einmal bedecken konntest, während du dich von deiner Gruppe entfernt hast. Genauso unauffällig, wie du es am Anfang getan hast, als du dein T-Shirt ausgezogen hast.

Ich weiß nicht, ob deine Unzufriedenheit mit dir selbst mit der Tatsache zu tun hat, dass die Freundin, auf die du gewartet hast, ihre lange Mähne über ihren Rücken geschüttelt hat, auf dem nur noch die Flügel von Victorias Secret gefehlt haben. Während all dieser Zeit hast du starr auf den Boden geschaut. Nach einem Versteck in dir gesucht, vor dir selbst.

Und ich würde dir gern so viele Dinge sagen, dir, lieber Junge mit der blauen Badehose. Vielleicht weil ich vorher der Junge war, die mit seiner Freundin kam. Ich saß genau da, auf deinem Handtuch.

Ich war du und ich war sie. Und jetzt bin ich keine mehr von euch – oder vielleicht noch immer beide. Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, dann würde ich es wählen, die Dinge genießen zu können, anstatt mir darüber Sorgen zu machen, auf welchem von beiden Handtüchern – ihrem oder deinem – ich lieber sitzen würde.

Ich wünschte, ich könnte dir sagen, dass ich gesehen habe, dass du ein Buch in deiner Tasche hattest.

Ich würde dir gerne sagen, dass du ein wundervolles Lächeln hast. Dass es eine Schande ist, dass du dir so viele Sorgen darüber machst, dich zu verstecken, so dass keine Zeit mehr für dein Lächeln bleibt.

Ich würde dir gern sagen, dass der Körper, für den du dich zu schämen scheinst, wunderschön ist. Es ist so wundervoll, am Leben zu sein!

Ich würde dir so gern sagen, dass ich mir wünschte, du könntest dich mit den Augen eines Fünfzigjährigen sehen, denn dann würdest du vielleicht verstehen, wie sehr du es verdienst, geliebt zu werden, auch von dir selbst.

Ich würde dir gern sagen, dass der Mensch, der dich wirklich liebt, eines Tages nicht nur dein Inneres, sondern auch deinen Körper lieben wird: jede Kurve, jedes Grübchen, jede Linie, jede Sommersprosse. Dieser Mensch wird die Karte, die dein Körper malt, einzigartig und wundervoll, lieben. Und wenn er das nicht tut, wenn er dich nicht auf diese Weise liebt, dann verdient er es auch nicht, dass du diesen Menschen liebst.

Ich würde dir gern sagen – glaub mir, glaub mir, glaub mir – dass du perfekt bist, wie du bist: überwältigend in deiner Unvollkommenheit.

Aber was kann ich dir sagen, wenn ich nur der Mann neben dir bin?

abgeleitet von

Jessica Gómez

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