SOMMER UND HÄSSLICHE MENSCHEN.

Vor ein paar Tagen, als ich irgendwo in München in einem Biergarten saß, hielt ich kurz inne.

 

Die Sonne brannte, die Menschen schwitzten und waren nur dürftig bekleidet. Schön, dachte ich.

Bis ich eine Gruppierung junger Menschen wahrnahm, die ganz unverhohlen über eine beleibtere junge Frau lachten.

Man war sich einig, dass diese Dame aufgrund ihrer Leibesfülle und der, laut Beobachtern, falschen Garderobenwahl, verlachenswert wäre.

 

Das Mädchen, vielleicht 20 oder 21 Jahre alt, übte sich in angestrengter Ignoranz.

Sie trug einen bequemen Rock.

Nicht sonderlich kurz, nicht sonderlich eng, nicht lang und dazu eine ärmellose Bluse. Eigentlich ganz adrett und eben der Hitze angepasst.

Nur die Wenigsten möchten dieser Tage unter etlichen Lagen eines anziehbaren Körperkäfigs schwitzen und schmelzen.

 

Da stand nun diese Frau, kämpfte mit sich, den Fremden, Lachern, Pfeilfingern und den eigenen Tränen.

 

Ich nehme das wahr, schweige und ärgere mich.

Über meinen ausbleibenden Tadel, meinen kläglichen Versuch sie anzulächeln und diese Idioten, die mich zum Mittäter, sich zur Modediktatur und die Frau zum Opfer machen.

Sommer.

Die Menschen ziehen durch die Straßen, kehren ein in offene Cafés und Bars und eben Biergärten.

Man räkelt sich im Park, am Strand und im Schwimmbad.

Man genießt die wiederkehrende Energie und saugt die Mutter Sonne auf und unter all diesen Menschen wandern sie.

Die Zerstörer.

Die, man mag mir verzeihen, Arschlöcher.

Jene, die sich lautstark Luft machen, weil Mädchen oder eben Frauen Leggings, Röckchen, Shorts oder Kleidchen tragen.

Zu eng!

Zu kurz!

Zu bieder!

Zu schlampig!

Zu billig!

Die/Der ist viel zu fett!

 

„Das können nur ganz schlanke, kurvigere, junge, gebräunte, trainierte oder unsere Großeltern tragen!“

„Das beleidigt und belästigt mich ja geradezu!“

„Mit der Figur? Also nee!“

„Männer sollten solche Farben, Stoffe und Schnitte nicht tragen, das ist weibisch, unmännlich und voll unsexy!“

 

Einen Scheiß wisst ihr!

Karl Lagerfeld irrte sich übrigens ebenfalls, als er vom Kontrollverlust durch Jogginghosen sprach.

Ich persönlich halte ja ein affektiertes, gepudertes Modeäffchen, das ohne Fächer und Näselei nicht kann, für kontrollbefreiter – aber hey, Geschmacksfragen.

Ach, und es dürfen ja auch saudumme Menschen in der Öffentlichkeit ihre Meinung mitteilen, dann wird doch wohl ein dicker, fetter, dünner, alter oder junger Mensch anziehen dürfen, was ihm zusagt!

 

Es gibt sogar Interessensgruppen auf Facebook, die sich geschlossen gegen jene stellen, die enge Hosen tragen!

Das muss man sich mal vorstellen!

Wie egal sind bitte die Textilträume der Mitmenschen?

Wie egal können einem bitte die Brust, der Bauch, der Bizeps oder die Arschgröße völlig fremder Menschen sein?

Und wie kaputt müssen eigentlich die Köpfe sein, die davon überzeugt sind, dass sie abwerten, degradieren und ja, zerstören dürfen?

 

Kauft euch doch lieber mal ein Buch und diskutiert das mit dieser Leidenschaft!

 

Ich spreche hier weder von Nickies mit Glitzersteinchen, karierten Dreiviertelhosen, Ed Hardy und weißen Socken in Sandalen noch von diversen Geschmacks- oder Stilfragen, ich spreche von dieser beschissenen Beschämungskultur, die sowohl drinnen als auch draußen mit Inbrunst gelebt wird.

Lasst sie alle fett, dürr, trainiert, blass, gebräunt oder eben grau sein!

 

Lasst sie doch verdammt nochmal einfach aussehen und sich kleiden, wie es ihnen beliebt und steckt euch eure egalen, verächtlichen und ja, saudummen Meinungen doch dahin, wo ihr eure Finger habt, wenn ihr nicht gerade auf die „Hässlichen“ zeigt!

Ihr seid hässlich und das sage ich, obwohl mich eure Kleiderwahl überhaupt nicht interessiert!

( Bild: Pixabay Text: Blogkarussell )

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