Schicksal

Sie war alleine daheim. Sie setzte sich auf das Balkongeländer und blickte hinab in den Garten, auf die Strasse, zu den Nachbarn. Sie fühlte sich allein. Es wurde ihr schmerzlich bewusst wie alleine sie war, nicht weil ihre Eltern nicht da waren, nicht weil ihre beste Freundin im Urlaub war und auch nicht weil ihr Freund so weit weg war. Das war sogar alles gut so. So konnte sie wenigstens über sich nachdenken, sich selbst finden. Mal wieder. Sie musste sich selbst finden. Wie sich das anhörte, hatte sie sich denn verloren? Ja, sie hatte sich in sich selbst verloren. Allein schon wie das klang, richtig psychopathisch. Aber vielleicht war sie ja genau das, ein Psychopath. Ihr Blick fiel auf den alten Mann, der gerade vorbei ging. Er sah resigniert aus und er ging so schnell. Wohin er wohl ging? Und schon war er aus ihrem Blickfeld verschwunden und sie war wieder alleine. Gestern war sie auf einer Party gewesen. Sie hatte sich amüsiert, dort waren auch Freundinnen von ihr. Sie hatten getanzt, getrunken und sie hatte ihren Spass. Als sie dann aber heute Nacht dort aufwachte, neben diesem fremden Kerl – sie hatten beide noch Kleider an – war ihr kotzübel und sie erinnerte sich an fast nichts mehr. Sie erinnerte sich aber sowieso an wenig in letzter Zeit. Sie war verwirrt, fühlte sich einfach nicht gut, aber dennoch tat sie so als sei alles in Ordnung in der Schule, in ihrer Beziehung, bei ihren Freunden. Ihr ging es ja auch nicht schlecht. Es war ja nichts ‚Schreckliches‘ geschehen. Dennoch ging es ihr nicht gut, denn ihr fehlte etwas. Sie wusste nicht was. Da kam der Mann wieder, er lief mitten in der Straße mit dem gleichen Gesichtsausdruck, anderer Kleidung, Anzug. Es war dunkler. Die Sonne ging gerade unter. Er ging langsamer, blieb fast stehen, blickte direkt in die Sonne und stand mitten in der Kreuzung, wo ihn der Autofahrer nicht sah. Er wurde erfasst, war sofort tot, obwohl sie die Bremsen quietschen hörte. Der Autofahrer war schockiert. Sie hatte rausgefunden, was fehlte. Es würde nie mehr fehlen. Sie hatte erkannt, dass der Sinn ihres Lebens zu leben war…

Er war 79. Seine Frau hatte er genau vor einem Jahr bestatten lassen. Seine Kinder waren alle ausgezogen, sogar das Nesthäckchen, sein Sohn Marius, wenn auch erst mit 32. Er war sowieso der jüngste gewesen. Er war froh, dass sich Marius noch um ihn kümmerte, vorallem nach der Beerdigung. Er hätte es wahrscheinlich alleine nicht geschafft, aber nun hatte Marius endlich Arbeit als Neurologe an der Uniklinik Regensburg gefunden. Das war seine Traumstelle und sein Sohn hätte nicht jeden Tag über 100km zur Arbeit fahren können. Das konnte er nicht von ihm verlangen. Er freute sich einfach für ihn. Trotzdem fühlte er sich allein gelassen und auf eine gewisse Weise machte es ihn wütend, aber mehr auf sich als auf die anderen. Warum? Das wusste er nicht. Vielleicht weil er so eigenbrötlerisch lebte und so wenige Freunde hatte, die jetzt auch tot waren? Vielleicht auch weil er immer zu viel getrunken hatte und seine Frau damit krank gemacht hatte? Diese Gedanken schweiften durch seinen Kopf, als er mitten auf dieser kleinen Strasse ging, in seinem besten schwarzen Anzug. Er wollte nochmal zum Grab schauen, noch ein letztes Mal bevor er ins Krankenhaus ging, um sich durchchecken zu lassen. Alles nur Routine. Eigentlich hatte er sein Leben vergeudet. Er hatte zwar drei Kinder, aber er hatte mit der Erziehung nie wirklich was am Hut gehabt. Das war immer die Sache seiner Frau. Er hatte eigentlich nur gearbeitet, damit er nun eine kleine Rente bekam. Zu wenig um richtig gut zu leben, zu viel um zu verhungern. Er hörte das Auto nicht. Es ergriff ihn von hinten. Er spürte nicht mal Schmerz. Er schrie nicht auf. Er sah nur noch Licht. Er war nicht mehr allein. Er war tot…

Er sah den alten Mann nicht, bevor er nicht direkt vor ihm stand. Er versuchte zu bremsen, aber es war zu spät und er zu schnell. Der alte Mann war sofort tot als er ihn erfasste. Ihm passierte nichts. Nur ein Schock. Später erfuhr er, dass der Mann Maximilian Huber hieß, 79 war, seine Frau verloren hatte und eigentlich sonst ein normaler Mann war. Niemand außergewöhnliches. Trotzdem hatte er sein Leben zur Gänze verändert. Er würde nie mehr Auto fahren. Er machte es sich zur Lebensaufgabe, Kindern die Verkehrsregeln zu lehren. Versuchte aus diesem schrecklichen Ereignis etwas Gutes zu machen, mit sich selbst ins Reine zu kommen. Er schaffte es nie und er verstand dieses Mädchen auf der Bestattung von Hrn. Huber nie, die zu ihm kam und nur ein Wort sagte: „Danke.“. Damit war sie verschwunden, keiner auf der Trauerfeier kannte sie. Sie warf rote Rosen ins Grab. Rot wie ihre Haare. Er wusste, dass er sie schon mal gesehen hatte, aber nicht wo. Er würde nie herausfinden, dass sie den Unfall beobachtet hatte, dass er sie gerettet hatte.

( Bild: Pixabay Text: Gastbeitrag

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