Momentaufnahme

Da steht sie vor mir, mit ihren großen blauen Augen und ihren zerzausten Haaren. Der Mund leicht verschmiert, ein paar Sandkörnchen im Gesicht. Räubertochter nenn ich sie, wenn sie so aussieht. Sie tippelt leicht hin und her und meint, sie müsse auf die Toilette. Als ich aufstehe, um sie zu begleiten, denke ich noch: Na super. Wieder tolles Timing. Immerhin befinden wir uns in einer Strandbar.

Sie müsste sonst ganz alleine durch die Bar laufen, die Holzbretter entlang. Vorbei an den Kellnerinen und Barkeepern, den jungen Kerlen, die an der Bar sitzen und schon viel zu viel getrunken haben und der Rockband, die gerade ihre Probe für den späten Abend macht. Und dann sind da noch so viele Türen ohne Beschriftung. Und wer weiß, wie verdreckt die Toilette ist?

Doch schon ist sie ohne mich losgelaufen. Sie tippelt vor mir her, springt von einem Bein aufs andere und ich folge ihr langsam auf den Holzbrettern, die uns den Weg zu den Örtlichkeiten zeigen. Ich laufe langsam, halte genug Abstand. Ich möchte nicht, dass sie das Gefühl bekommt, dass ich denke, sie sei noch kein großes Mädchen.

An den gefühlten einhundert Türen angekommen, kann ich sie nirgends mehr entdecken. Ich gehe zu den Toiletten und schaue mich um. Augenblicklich stößt mir der ekelerregende und stechende Geruch von Urin in die Nase. Ich könnte kotzen. Hinter welcher Tür verbirgt sich nun meine Kleine? Nun, viel Auswahl gibt es nicht und tatsächlich, eine Kabine ist nicht abgeschlossen. Es schreit förmlich danach und bittet um Einlass. „Hier bin ich. Komm rein.“ Früher waren wir immer zusammen in der Kabine.

Als sie mich fragt, obwohl sie bereits acht Jahre alt ist und eigentlich meine Hilfe nicht mehr braucht, ob ich ihr beim Abwischen helfen kann, helfe ich ihr trotzdem. Sie hat ja gerade Bauchschmerzen. Ich bin immer noch ihre Mama. Und sie, sie ist immer noch mein kleines Mädchen.

Da wir schon mal hier sind, nutze ich die Gelegenheit, um auch noch schnell meine Blase zu entleeren. Wir waren ja immer zusammen in der Kabine. Meine Tochter wartet einen Augenblick verschwindet dann doch ganz schnell zum Hände waschen.

Früher dauerte das immer ewig. Jahre konnte ich meine Hände nicht waschen oder nebenan in der Kabine pinkeln. Jahrelang musste ich mich in die kleinste Zelle quetschen, in der man sich nicht drehen konnte. Jahrelang sehnte ich mich nach einer Minute Ruhe und ein kleines bisschen Freiraum. Plötzlich schienen sich all diese Wünsche, wie aus dem Nichts, in Luft aufzulösen. Auf einmal war von Alldem nichts mehr zu spüren.

Auf einmal wartet sie nicht mehr auf mich. Sie ist gegangen. Einfach so. Ich höre noch, wie sie den Wasserhahn aufdreht und ihre Hände mit Seife wäscht und nach dem Papier sucht, um ihre Hände zu trocknen.

Und während ich mit heruntergelassener Hose in der Kabine alles in Zeitlupe wahrnehme, höre ich auf einmal: „Tschüß Mama, ich geh schon mal. I love you.“

Bevor ich meine Schockstarre überwunden hatte, war sie weg. Einfach verschwunden. Dabei waren wir immer zusammen in der Kabine.

Sie läuft über die Holzbretter zurück, vorbei an der Rockband, die immer noch mitten in der Probe ist, dem Barkeeper und der Kellnerin und den jungen Kerlen an der Bar, die viel zu viel getrunken haben. Sie tänzelt über die Bretter zurück, zurück zu ihren Freunden an den Strand.

Sie wartet nicht auf mich. Ich muss ihre Hand nicht mehr halten. Sie braucht sie nicht mehr. Sie ist einfach gegangen. Dabei waren wir doch immer zusammen in der Kabine.

Mir schlägt mein Herz bis zum Hals. Ich könnte losheulen. Eben war ich noch Mittelpunkt ihrer kleinen Welt und eine Minute später sitze ich mit runtergelasser Hose in einer stinkenden Zelle. Allein. Dabei waren wir doch immer zusammen in der Kabine.

Sollte ich nicht dankbar und erleichtert sein, endlich mal in Ruhe pinkeln zu können? Bin ich aber nicht! Stattdessen habe ich einen Kloß im Hals und fühle mich verlassener, als je zuvor.

Wie im Zeitraffer zieht es an mir vorbei. Oft hat sie sich an mich geklammert, sich unter meinem Rock versteckt. Hat schüchtern vorgelugt, wenn ihr etwas nicht geheuer vorkam. Hat immer meine Hand oder meine Umarmung gesucht. In ihrem ganzen kurzen Leben hat sie sich immer rückversichert, damit sie ja nicht ohne mich ist und doch geht sie heute ohne mich. Sie geht ohne mich, um lieber mit ihren Freunden im Sand zu spielen.

Was mir bleibt ist ein kleines Loch im Herzen, aber ich bin mir sicher, dass sie nur so, die noch kommenden großen Herausforderungen meistern kann.

Sie wird weiterhin meine bedingungslose Liebe genießen und sich ihrer sicher sein können. Und vielleicht umschließt irgendwann ihre kleine Hand bald wieder die Meine.

Nein, nicht vielleicht. Ich bin mir sicher.

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