Sprung in die Freiheit

„Nun spring schon!“, „Tue es einfach!“, „Du willst es doch!“ forderten die Stimmen unter ihr. Sie wurden immer lauter und ließen keinen Widerspruch zu.

Ängstlich schaute sie nach unten, umklammerte mit beiden Händen das Brückengeländer, das in ihren Rücken drückte und überlegte was sie tun sollte. Sollte sie springen und sich in den tiefen Fluss stürzen, der sie schon beim bloßen Anblick zu verschlingen drohte?

Oder sollte sie lieber vernünftig bleiben und das tun, was sie schon immer am besten konnte, aufgeben? Immer wieder schaute sie in den Abgrund, um gleich darauf innezuhalten um ihre Gedanken zu sortieren, erfolglos. „Was hast du schon zu verlieren?“ „Mach schon und sei kein Feigling!“, drängten sie wieder, die Stimmen unter ihr, die immer noch nicht bereit waren aufzugeben. Wie lästig.

 

Ihr schlotterten die Knie und sie befürchtete, sich nicht mehr lange an der Brüstung festhalten zu können, ihre Hände schwitzten vor Aufregung. Sie fragte sich, wann sie eigentlich auf diese blödsinnige Idee gekommen war. War es, als sie vor ein paar Tagen ihren Job verloren hatte? Oder war einfach die Tatsache schuld daran gewesen, dass sie in ihrem Leben kein Vorankommen, keine Leidenschaft und keinen wirklichen Sinn mehr sah? Was es auch war, in diesem Moment war sie sich nicht mehr sicher, ob sie die richtige Entscheidung getroffen hatte. Egal, nun war es eh zu spät.

Diesmal wollte sie tun, was sie sich vorgenommen hatte. Sie wollte nicht mehr die „Du-bringst-nie-etwas-zu-Ende-Marie“ sein, die alles und jeden enttäuscht. Sondern die taffe, mutige Marie – entschlossen und konsequent.

Sie holte tief Luft und schaute wieder nach unten, fixierte die Wasseroberfläche. Der Fluss wirkte dunkel und schmutzig, nicht gerade einladend, erst recht nicht aus dieser Entfernung. Die Strömung war stark und zog alles mit sich, was sich ihr in den Weg stellte. So wie auch ein breites Gestrüpp aus Ästen, das flussabwärts trieb. Bei dem Anblick krampfte sich ihr Magen zusammen und bestätigte erneut ihren Zweifel.

„Was machst du hier eigentlich?“, fragte sie laut, so dass sie jeder hören konnte. „Du musst das nicht tun… Das weißt du“, flüsterte eine tiefe Stimme hinter ihr und legte beschützend eine Hand auf ihre Schulter, bereit sie jederzeit über die Brüstung zu ziehen. Es beruhigte sie ein wenig, noch hatte sie eine Wahl.

„Hör nicht auf ihn, mach schon… Dann bist du endlich frei…frei!“, hallte es wieder unter ihr, lauter als jemals zuvor. Der Gedanke gefiel ihr und sie stellte sich vor, wie es wohl sein würde. Sie versuchte zu widerstehen und doch klang es verlockend. Wie schön es doch wäre. „Frei“, murmelte sie vor sich hin und merkte, wie die Hand an ihrer Schulter sie fester drückte.

 

Ihre Entscheidung stand fest. Kaum hatte sie sie getroffen, durchfuhr ein Kribbeln ihren gesamten Körper, stieg von ihren Zehenspitzen immer weiter hinauf. Erreichte schließlich ihre Fingerkuppen, die sich nun langsam von der Brüstung lösten und schaltete ihren Verstand für einen kurzen Moment aus. Wie in Trance breitete sie ihre zittrigen Arme aus, wie die Flügel eines Engels, der hinab auf die Erde gleitet. Sie wollte endlich kosten von dem Gefühl der Freiheit – einfach alles hinter sich lassen, keine Angst mehr haben, die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren und sich einfach fallen lassen.

Und dann tat sie es.

Sie bemerkte noch, wie die Hand an ihrer Schulter sich lockerte und sie gewähren ließ. Auf einmal war alles ganz einfach. Sie sank kopfüber hinab, ihrer neuen, hoffnungsvollen Zukunft entgegen. Der Wind peitschte ihr ins Gesicht und bescherte ihr eine Gänsehaut. Sie hörte Schreie, sie stammten von ihr. Sie wurden immer lauter und das Kribbeln in ihrem Körper immer stärker. Ihr Puls stieg unaufhörlich in die Höhe, ihr Herz raste wie verrückt. „Juhuuuu…! Sie springt!“, triumphierten die Stimmen unten. Nun hatten sie doch gewonnen. Sie hatte das Wasser, das bereits seine kalten Arme nach ihr ausstreckte, fast erreicht.

Bis etwas an ihren Beinen zog und sie mit voller Wucht, wieder ein kleines Stück nach oben katapultierte. Sie kreischte. Ihr Körper war wie elektrisiert und trotzdem unfähig, sich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Sie schloss ihre Augen und wartete bis es vorbei sein würde. Sie spürte ein erneutes Ziehen an ihren Fußgelenken, hörte das Rauschen des Wassers unter ihr und ihren lauten, keuchenden Atem. Als sie ihre Augen wieder öffnete, war ihr ein wenig schwindlig. Alles schien sich zu drehen, sie konnte förmlich spüren, wie ihr das Blut in den Kopf schoss.

Sie versuchte sich zu konzentrieren und erkannte ein kleines Motorboot ganz in der Nähe, es kam direkt auf sie zu. Darin saßen zwei Männer, die ihr klatschend entgegenfuhren. Über ihr hörte sie Leute jubeln und applaudieren. Immer noch hing sie kopfüber an einem Seil und wusste nicht ob sie lachen oder weinen sollte.

Sie hatte es geschafft, endlich. Sie war gesprungen, hatte ihre Angst für einen kurzen Moment überwunden und fühlte nur noch Stolz und Erleichterung.

Sie wusste, jetzt kann sie vieles schaffen, komme was wolle.

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